Die böse Brigitte(nau)

von Šemsa Salioski

Der saftige Döner mit ganz „viel Scharf“ geht im 20. Bezirk schon um elf Uhr vormittags über die Theke. Auch wenn man mitten in der österreichischen Hauptstadt steht bekommt man auf den Straßen das Gefühl, dass es sich vielleicht eher um Belgrad oder Istanbul handelt, da man die Passanten ausschließlich Türkisch oder Serbisch sprechen hört. Draußen kommt es zu einer lauten Schlägerei. Eine Fensterscheibe wird eingeschlagen. Das Ganze wurde mit Sicherheit von den ganzen „Tschuschenkindern“ aus der Nachbarschaft angezettelt. Der Drogenhandel bei den berüchtigten U6-Stationen boomt bei dem miesen Wetter da draußen bestimmt auch schon wieder…

Mutli-Kulti auf der Jägerstraße
Mutli-Kulti auf der Jägerstraße

War das jetzt übertrieben? Ja schon. Die Wiener Brigittenau hat sich noch nie einen Namen als Glamour-Bezirk machen können. Muss man hier abends aber tatsächlich Angst davor haben von einem Kleinkriminellen mit löchrigem McDonalds-Sackerl über dem Kopf ausgeraubt zu werden? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Was ist nun dran an diesen bösen „Ghetto“-Klischees und was bietet der 20. Bezirk sonst außer die zahlreichen Horrorgeschichten der Boulevardblätter?

Drogenviertel und Massenschlägereien

Neben dem ebenfalls berüchtigten „Rudolfscrime“-Fünfhaus zählt die Brigittenau zu den ärmsten Bezirken Wiens und liegt auf Platz 3 der Arbeitslosenrate. Eine ebenso hohe Kriminalitätsrate würde daher niemanden überraschen. Die Gegend um die Millennium City am Handelskai zählt passend dazu seit Jahren zu den bekanntesten Ecken des Wiener Drogenhandels. Auch zahlreiche Negativ-Schlagzeilen über brutale Massenschlägereien von Jugendlichen werfen zunehmend ein schlechtes Bild auf die „böse Brigitte(nau)“. Von vielen Wienern wird die Gegend als „gefährlich“ eingestuft. Beschäftigt man sich allerdings mit den Kriminalitätsstatistiken der vergangenen Jahre wird man erkennen, dass der 20. sich tatsächlich nur im Mittelfeld bewegt. Weit über dem Durchschnitt sind Favoriten, die Innere Stadt und Leopoldstadt. Wien ist eben eine Großstadt in der schwerwiegende gesellschaftliche Probleme wie Gewalt und Drogenhandel nicht von heute auf morgen ausradiert werden können. Allerdings gibt es in diesem Zusammenhang dennoch erfreuliche Nachrichten: Die Kriminalitätsrate der Stadt ist gesunken, genauer gesagt befindet sie sich auf dem niedrigsten Wert der letzten Jahrzehnte. Zurückgegangen sollen vor allem Massendelikte wie Einbrüche in Wohnungen, Autodiebstähle, aber auch Gewaltdelikte sein.

Brigitte(nau), die Kosmopolitin

Die weit verbreitete Annahme des hohen Migrantenanteils im Bezirk kann auf jeden Fall zahlentechnisch belegt werden. Ganze 50,1% Personen mit Migrationshintergrund leben in diesem Stadtteil Wiens. Der 20. verfügt nach Rudolfsheim-Fünfhaus über den zweithöchsten Migrantenanteil. Dazu zählen zum größten Teil Staatsbürger aus Serbien und Montenegro, sowie aus der Türkei, Bosnien und Kroatien. Sprachenvielfalt ist im 20. Bezirk, aber auch in anderen Bezirken, somit sicher keine Seltenheit. Laut einer Studie der Statistik Austria liegt die Anzahl der Wiener Bevölkerung mit Migrationshintergrund bei 43,9%. Die Zahl der Migranten schießt in Wien grundsätzlich immer weiter nach oben. Seit 2008 soll sie um mehr als 13 Prozent gewachsen sein. Die internationale Zuwanderung wird laut aktuellen Prognosen dazu führen, dass ab circa 2029 mehr als 2 Millionen Menschen in Wien leben werden.

Kultur, und wo?

Ausruhen am Wallensteinplatz
Ausruhen am Wallensteinplatz

Ja, im 20. Bezirk gibt es tatsächlich auch Highlights für Kulturbegeisterte. Beispielsweise bietet das Vindobona seinen Besuchern eine sich perfekt ergänzende Mischung aus Kabarett und Café. Bei freier Platzwahl kann man dort nach dem Mittagsmenü den Alltagsstress vergessen und lieber die Lachmuskeln trainieren. Die Gedenkstätte in der Karajangasse kann ebenfalls als klares Must-See eingestuft werden. Das Gebäude wurde 1938 in ein Gestapogefängnis umfunktioniert. Die Häftlinge waren hier bis zu ihrem Transport nach Dachau in Klassenräumen eingesperrt. Seit 1999 zeigt die Ausstellung die Ergebnisse von Projekten, bei denen die Biografien von über 350 vertriebenen jüdischen Schülern des Gymnasiums erforscht wurden. Auch das Bezirksmuseum bietet in seinen Räumlichkeiten wissenswerte Fakten über Wien und seine Vergangenheit an. Im Fokus liegt hier in erster Linie die historische Entwicklung des 20. Bezirks. Gezeigt wird die Brigittenau vor allem als Standort für Handel, Gewerbe und Industrie.

Essenskültür & young Entertainment

Der Millennium Tower aus der Nähe
Der Millennium Tower aus der Nähe

Zur „Essenskültür“ des 20. gehört, dank der zahlreichen Einwanderer aus dem Orient. die deftige türkische Küche. Damit sind jedoch nicht nur irgendwelche Dönerstände gemeint. Die beiden schick eingerichteten Restaurants „Saphire“ und „Kent“ auf der Jägerstraße bieten neben leckeren Grillspezialitäten auch türkischen Tee, Kaffee, sowie klassisch orientalische Nachspeisen an. Wem das nicht international genug ist, sollte einen Abstecher (uh, böses Wortspiel) in die Millennium City wagen. Ob Indisch, Mongolisch, Japanisch, Italienisch oder Mexikanisch, hier ist auf jeden Fall für jeden Geschmack etwas dabei. In der Karaoke Bar „Soho“ kann man dann abends günstige Cocktails genießen und die anderen Gäste mit Gesangseinlagen begeistern. Neben den Lokalen gibt es in der Millennium City auch das zweistöckige UCI-Kino, das die neusten US-Blockbuster, aber auch weniger bekannte Filme aus Europa zeigt. Wer mehr Bewegung braucht kann mit dem Aufzug Richtung Süden in die Spielehalle fahren und sich im „Ocean Park“ mit seinen Freunden beim Bowlen amüsieren.

Die Wallensteinstraße mal ganz ruhig
Die Wallensteinstraße mal ganz ruhig

Klingt jetzt alles doch nicht mehr so böse, oder? Die Brigitte(nau) hat mehr zu bieten als die Boulevardblätter vielleicht verraten möchten. Traut euch rein und überzeugt euch selbst davon.

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